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01.03.2016

Die Eigenmotivation macht’s

Jacqueline Heinz, Psychologin im TSBW Außenstelle Bad Segeberg hat den Jahreswechsel in Griechenland auf Lesbos verbracht. Mit finanzieller Unterstützung des Einrichtungsleiters des TSBW Husum, Hans-Jürgen Vollrath-Naumann, konnte sie dort drei Wochen lang diverse Flüchtlings-Camps tatkräftig unterstützen.

Was hat Sie motiviert nach Lesbos zu gehen und sich dort als Helferin zu engagieren?
Die Bilder und Berichte, die man überall zu sehen und lesen bekommt. Besonders angesprochen hat mich jedoch der Bericht im „Tagesthema“ eines Mannes aus der Schweiz. Er wurde drei Monate von seiner Arbeit frei gestellt, damit er seinem Wunsch, als Freiwilliger dort helfen zu können, nachgehen konnte. Allerdings fängt mein Engagement für Flüchtlinge schon bei uns hier in Deutschland an. Ich unterstütze zum Beispiel die hiesige Kleiderkammer vom „Freundeskreis für Flüchtlinge e.V.“ in Ammersbek und biete im Verein Sprachübungen in Deutsch an.

Was waren die Voraussetzungen, die es zu erfüllen galt?
Für freiwillige Helfer wie mich gibt es in dem Sinne keine Voraussetzungen und Verpflichtungen. Es gibt keinen Vertrag. Es ist im Prinzip wie ein „Urlaub“, den man selber plant und bei dem man an Aktivitäten teilnehmen kann. Es ist die Eigenmotivation, die eine große Rolle spielt. Die finanziellen Mittel, die Verpflegung, der Flug und die Unterkunft müssen selbst organisiert werden.

Wer finanziert solche humanitären Einsätze?
Die jeweils vor Ort agierenden Organisationen finanzieren ihre Einsätze selbst. Auf Lesbos waren zum Beispiel Teams der UN (Vereinte Nationen), diverse NGOs (Nichtregierungsorganisation), das französische Team der „Ärzte ohne Grenzen“, „Dirty Girls OfLesvos Island“,StarfishFoundation,Sea-Watchund PIKPA.
Privatpersonen hingegen tragen, wie schon gesagt, die Kosten selbst.
In manchen Fällen übernimmt der Arbeitgeber auch die Kosten.Das TSBW hat in meinem Fall nach Anfrage die Flugkosten übernommen. Auf diesem Wege noch einmal herzlichen Dank!

Wie kann man sich Ihren Tagesablauf dort vorstellen?
Mein erster Einsatzort war am Registrierungspunkt für Flüchtlinge in Moria. Dort müssen sich alle Flüchtlinge einfinden, denn ohne Registrierung und Papiere wird keine Weiterfahrt genehmigt. Es gibt verschiedene Camps auf der Insel. Meinen gesamten Einsatz konnte ich selbst bestimmen und organisieren. Ich war an kein Camp gebunden. Ich konnte spontan und selbstverantwortlich an den unterschiedlichen Stellen helfen. Neben der allgemeinen Unterstützung gab es natürlich auch die praktischen Aufgaben wie Müll und Decken einsammeln und Kleiderspenden sortieren, die von den „dirtygirls“ gewaschen und aufbereitet werden. Aber auch zusammen mit Flüchtlingen und anderen Helfern Schlaf-Unterlagen aus alten Gummireifen „häkeln“, die beim Schlafen Schutz vor der Kälte aus dem Boden bieten.

Wie sehen die Verpflegung und Unterbringungen der Helfer aus?
Die Devise lautet: Selbstversorgung. Da alles selbst finanziert und für die Unterkunft gesorgt werden muss, hängt das vom Einzelnen ab. Die Entwicklung geht jedoch da hin, dass einiges von privat vermittelt wird und man vor Ort unterkommen kann – sprich, Wohnungen werden angemietet. Die Verpflegung der Helfer sieht da nicht anders aus.
Im PIKPA-Camp bekamen wir eine warme Mahlzeit am Tag. Tee und Obst konnten wir uns in Moria aus den Verpflegungszelten holen.
Vorranging jedoch waren und sind weiterhin die Flüchtlinge.

Gibt es psychologische Betreuung der Helfer vor Ort?
In Moria gibt es Koordinatoren. Diese sind ebenfalls Freiwillige, die einen Verein gegründet haben und für einige Monate dort in Lesbos leben. Sie leiten das ganze Geschehen an. Sie kümmern sich um die Pläne, die Organisation und teilen die Schichten auf. Sie halten dazu an, auf sich und seine Mitmenschen zu achten. Es liegt viel in der Selbstverantwortung, jedoch bekommt man aber auch Hilfe und Unterstützung untereinander. Es ist wie eine kleine Gemeinschaft.

Wie lange sind die Helfer in der Regel dort?
Das variiert. Ich bin nun zum Beispiel drei Wochen dort gewesen. Allerdings habe ich auch schon mitbekommen, dass viele Helfer nur eine Woche bleiben. Dann die Koordinatoren wiederum, als Beispiel, bleiben teils Monate dort.

Welche Erlebnisse und Erkenntnisse waren für Sie prägend?
Die rasche Entwicklung in der kurzen Zeit – wie zum Beispiel müssen die knapp 50km von der Nord- bis zur Südküste nicht mehr zu Fuß bewältigt werden, sondern es werden UN-Busse bereitgestellt, die die Flüchtlinge zum Registrierungspunkt befördern.
Vor allem aber ist es die menschliche Begegnung, die spontane Dankbarkeit der Flüchtlinge, die mich bewegt hat. Dann jedoch  auch die andere Seite: kleine Kinder und alte Leute, die sich durchkämpfen - das Leid bei den Verletzten. Und dennoch gibt es Freundlichkeit, Dankbarkeit und Menschlichkeit untereinander und miteinander.

Die Flüchtlinge und Griechenland

Wie sieht die medizinische und psychologische Versorgung der oftmals traumatisierten Ankömmlinge vor Ort aus? 
Ich persönlich kann nur von der Situation in Moria berichten. Dort sind die französischen „Ärzte ohne Grenzen“ und die UN anwesend. An der Südküste war zum Beispiel ein dänisches Team, bestehend aus Ärzten und Schwestern, die die Menschen direkt von den Booten in Empfang genommen haben. Im PIKPA-Camp selber hatten wir eine griechische, ehrenamtliche Krankenschwester und einen Psychologen, die zusammen mit Ärzten gearbeitet haben. Im Ernstfall besteht aber auch die Möglichkeit in die dortigen Krankenhäuser gebracht zu werden.

Wie werden die Flüchtlinge erfasst?
Die Registrierung wird von Frontex geregelt, bzw. der griechische Regierung.
In Moria ist die Sammelstelle – dort kommen die Flüchtlinge an. Sie bekommen eine Nummer mit ihrem Anreisedatum. Damit geht es dann zur Registrierungsstelle, wo sie warten müssen, bis ihre Nummer dran kommt. Dies kann jedoch oft länger als einen Tag dauern, sodass die Flüchtlinge in oft überfüllten Zelten ohne Fenster und in Containern leben müssen. Tagsüber jedoch müssen diese aus Reinigungszwecken verlassen werden.

Wie werden sie in Empfang genommen? Sind sie willkommen und fühlen sich die Flüchtlinge „gerettet“?
Sobald die Menschen ankommen, werden sie von Helfern in Empfang genommen, die mit Kleidung und Essen warten, sie versorgen und begleiten. In Moria gibt es dann, wie ich bereits erwähnt habe, die Versorgung: Essen, Kleidung und Tee.
Der gesamte Ablauf ist jedoch von der Anzahl an Flüchtlingen abhängig. An Tagen mit guter Wetterlage kommen sehr viele Flüchtlinge in Booten in Griechenland an. In solchen Fällen ist der reibungslose Ablauf, sowie die Unterbringung in Zelten nicht mehr fließend gewährleistet, da dies komplett von den Helfern organisiert wird.

Was wird in Hinblick auf die Problemlösung in der Zukunft unternommen?
Griechenland soll von der EU das Schengener Abkommen verlassen. Dies wird von der EU angedroht, da Griechenland vorgeworfen wird, dass sie die Grenzen nicht ausreichen schützen. Das ist jedoch sehr schwierig, da die Region und die Küste durch ihre geografische Gestaltung nur schwer zu überwachen ist. Die Regierung unternimmt so gut wie nichts. Keine Dolmetscher, keine Unterstützung. Und die Polizei spricht oft nur griechisch.

In Anbetracht der angespannten politischen Situation und der kontrovers geführten Diskussion um die „richtige“ Migrationspolitik zum Thema „Flüchtlinge“ hier bei uns, wie sieht das Stimmungsbild in Griechenland vor Ort aus?
Viele der Einheimischen helfen freiwillig. Auf der anderen Seite ist da die Sorge um den Tourismus, der die Wirtschaft ankurbeln sollte. Es gibt dort genauso gemischte Ansichten und Meinungen dazu, wie auch hier in Deutschland.

Bei Fragen zu Spendenaktionen:
Jacqueline Heinz empfiehlt sich an Ioanna Zacharaki zu wenden.
Sie ist Referentin im Bereich Soziales und Integration der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V.
Lenaustraße 41, 40470 Düsseldorf
Telefon: 0211 – 63 98 253
E-Mail: i.zacharaki@diakonie-rwl.de

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