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23.02.2017

2. Fachtag im TSBW

"Querköpfe - Ein bisschen verrückt ist völlig normal"

„Psychische Erkrankungen beschäftigen uns alle, auch Sie in den Einrichtungen.“ Mit diesen Worten hatte TSBW-Chef Jürgen Vollrath-Naumann das Kernstück des diesjährigen Fachtags bereits umrissen. „Querköpfe – ein bisschen verrückt ist völlig normal“ – unter diesem Motto hatte kürzlich das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk (TSBW) Mitarbeitende verschiedener Einrichtungen und Schulen zu hochkarätigen Vorträgen eingeladen mit der Möglichkeit, anschließend gemeinsam über das Gehörte zu diskutieren, sich auszutauschen und vielleicht sogar Kontakte zu knüpfen.
Professor Dr. Michael Schulte-Markwort ging in seinem Vortrag dem Wahrheitsgehalt der oft strapazierten Aussage nach, dass es „mit der Jugend immer schlimmer“ werde. Das stimme so nicht, sagte der leitende Arzt der Abteilung Psychosomatik des Altonaer Kinderkrankenhauses sowie Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik im UKE. Wenn auch nach einer 2000 Jahre alten Keilschrift aus der Stadt Ur im alten Mesopotamien „die Jugend nicht mehr auf ihre Eltern hört“ und Aristoteles lange vor der Geburt Christi wegen der verkommenen Jugend für die Zukunft der Welt schwarz sah, solle man doch nicht „populistischen Äußerungen und Strömungen das Wort geben“, so Schulte-Markwort. Zwar verstärken sich die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz weiter und es wird aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten schwieriger, im Beruf Fuß zu fassen; aber psychische Erkrankungen haben bei jungen Leuten in den letzten 30 Jahren nicht zugenommen. Gleichwohl: „Die Öffentlichkeit dafür hat zugenommen, wir sehen genauer hin und nehmen mehr und anders wahr.“ Etwa 20 Prozent des Nachwuchses seien psychisch auffällig, die Hälfte davon behandlungsbedürftig. Viele junge Menschen seien davon überzeugt, stets maximale Leistung bringen zu müssen, um im Leben bestehen zu können. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Anpassungsvermögen und Überforderung. Ein intaktes Familienklima jedoch schütze vor Angst und Depression, vor Kraft- und Freudlosigkeit. Die Gesellschaft mache oft eine Gratwanderung: Kindheit als Arbeitsprozess und unter ständiger Beobachtung in einer als Kleinunternehmen geführten Familie, zu kleine, häufig vernachlässigte Schulen, zu große Klassen, defizitorientierte Lehrer. Und dennoch: „Unsere Kinder sind super“, so Schulte-Markwort. Klassen müssen kleiner, Schulen saniert werden; grundsätzlich seien die Lehrer von Respekt gegenüber den Schülern getragen und bilden sich vielfach pädagogisch-psychologisch fort. Nicht selten mangele es an Personal, beispielsweise bei Förderschülern, schwierig sei auch die Mitnahme jener, die resigniert haben, nach der Devise „ich kapier ja sowieso nichts“. Doch seien Liebe, Respekt, klare Regeln und ein genauer Blick hilfreich und genauso wichtig wie „Dranbleiben und Wegschauen, Nähe und Distanz, Fördern und Fordern, Schutz ohne Druck. Kurzum: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.“
Jochen Baumgardt ging der Frage nach, wie es am besten anzustellen sei, gute Bedingungen für Autisten zu schaffen zur Vermeidung von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Er ist Diplom-Psychologe in der Beratungsstelle für Entwicklungsstörungen und Autismus in Kiel. Es sei ein gesellschaftlicher Prozess in Gang zu bringen – einerseits bei der Gestaltung der Arbeitswelt, andererseits beim Erwerb bestimmter Kompetenzen, damit diese Menschen beruflich bestehen können. „Inklusion gibt blaue Flecken – und zwar auf beiden Seiten“, betonte Baumgardt. Die Arbeitgeber als Repräsentanten der Gesellschaft müssen bereit sein, sich auf neue Wege einzulassen, und der Gesetzgeber habe einen Rahmen zu schaffen, in welchem ein für alle Beteiligten ersprießliches Miteinander vonstatten gehen
könne: „Das spiegelt die Vielfalt unserer Gesellschaft. Inklusion muss sich lohnen für alle Beteiligten.“ Dr. Oliver Rien, Diplom-Psychologe im TSBW, sprach über den Zusammenhang zwischen Hörschädigungen und psychischen Erkrankungen. „Empowerment“ laute das Zauberwort: „Das ist das positive Selbstmanagement Hörgeschädigter.“ Wichtig für diese Menschen sei es, aus der „Versteck-Taktik“ herauszukommen, um bloß nicht aufzufallen und „besonders“ zu sein. Das gebe später Missverständnisse und führe zu psychischen Belastungen. Vielmehr sollen sie lernen, offensiv mit dem eigenen Handicap umzugehen.
„Gut aufgestellt“ sei das TSBW, so Vollrath-Naumann. Denn seit drei Jahren bestehe ein Partizipationsplan für alle Auszubildenden, der in der Praxis stets mit Leben gefüllt werde. Diese Fachtagung trage dazu bei, die mechanischen Wirkweisen zwischen Schule, Ausbildung und Beruf gedanklich noch besser zu durchdringen. „Wir müssen uns dem Arbeitsleben anpassen, doch das ist keine Einbahnstraße.“ Denn nicht immer seien die Jahrgangsbesten die passgenauen Mitarbeitenden, sondern oftmals seien es die etwas Schwächeren. Um für alle eine möglichst gute Startposition zu schaffen, biete das TSBW Rahmen und Plattform, um bestimmte Verhaltensweisen einzuüben. Und letztlich: „Alle haben doch die gleiche Ausgangslage mit ähnlichen Wünschen und Bedürfnissen.“

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