Wertvolle Hilfen für einen gesünderen Lebensstil!
Ein wichtiger medizinischer und sozialer Auftrag –
Das neue TSBW Adipositas Programm (TAP)
"In den letzten Jahren kommen immer mehr Rehabilitanden mit einer Adipositas zu uns", diese Erfahrung hat Dr. Katharina Feldmann ganz eindeutig gemacht. Und dies entspricht der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die im Rahmen der "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS) erfasst wurde, weiß die langjährige Rehabilitationsärztin im Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk (TSBW) Husum.
"Nach dieser Studie hat sich in den letzten 20 Jahren die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen um 50 Prozent, die der adipösen um 100 Prozent erhöht. Als Richtwert benutzt man den so genannten Body Maß Index (BMI) = kg/m2. Von einer Adipositas spricht man ab einem Wert von 30", erläutert die Ärztin die Situation, die nach einem entsprechenden Konzept, einer sinnvollen Therapie für die jungen Menschen in medizinischer, aber auch psycho-sozialer Sicht verlangte.
Zum Hintergrund: Die Adipositas ist eine chronische Erkrankung, bei deren Entstehung viele Faktoren eine Rolle spielen. Neben einer genetischen Veranlagung im Rahmen einer familiären Belastung, einem veränderten Lebensstil mit verringerter Bewegung und emotionalen Befindlichkeiten (Affektregulation bei Stress, Frust und negativer Stimmungslage), gehört ein niedriger sozialer Status (gemessen an Einkommen und Schulbildung der Eltern) zu den Risikofaktoren für die Entstehung einer Adipositas im Kindes- und Jugendalter. "Die Wahrscheinlichkeit bei sechs- bis 16-jährigen Jugendlichen eine Adipositas zu entwickeln, verdoppelt sich sogar, wenn die Jugendlichen fünf Stunden pro Tag fernsehen", macht die Teamleiterin des Ärztlichen Dienstes im TSBW Husum die besonderen Risiken deutlich.

- „Fitness für die Stärksten“ zur Förderung von Ausdauer und Freude an der Bewegung – hier auf Langlaufskiern.
Gefahr von Herzinfarkt oder Schlaganfall schon in jungen Jahren
Bei ungefähr der Hälfte der adipösen Kinder und Jugendlichen besteht mindestens eine Folgeerkrankung (Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Diabetes mellitus Typ 2, orthopädische Komplikationen) mit dem hohen Risiko von Blutgefäßerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall schon in jungen Jahren.
Die Adipositas unterscheidet sich von anderen beschwerlichen chronischen Krankheiten durch die persönlichen Schuldzuweisungen an die Betroffenen. Adipöse gehören zu den derzeit am stärksten diskriminierten Gruppen.
Gudrun Zepter, die Psychologin im Team, kennt die Gefahren ganz genau: "Ihre negativen Selbst- und Fremdbewertungen können zu Depressionen, Angststörungen, Selbstwertstörungen, weiterem sozialen Rückzug bis zur sozialen Isolation mit Einschränkung auch der Alltagsmobilität und im Weiteren zu vermehrtem suchtartigem Essen führen."
Moralische Schuldzuweisungen wirken krankheitsförderlich
Gesellschaftlich moralische Schuldzuweisungen wirken krankheitsförderlich. Vielmehr sollte eine Unterstützung zur Erarbeitung eines gesünderen Lebensstils im Zentrum einer umfassenden Adipositas-Behandlung stehen, in der die Entwicklung eigenverantwortlichen Handelns gefördert wird. "Darum ist die Adipositas-Therapie ein medizinischer und psycho-sozialer Auftrag, der ein langfristiges Behandlungs- und Betreuungskonzept erforderlich macht. Dafür bietet eine berufliche Rehabilitationsmaßnahme mit den vielen begleitenden Hilfen bei uns im TSBW ideale Voraussetzungen", ist sich die 52-jährige Ärztin sicher.
Schon früh habe man sich daher im TSBW Husum mit einem spezifischen Konzept aus Ernährungsberatung, Schulung, psychologischer Betreuung und Sport darauf eingestellt. Beim "Aquajoggen" im hauseigenen Schwimmbad wird der Körper vom Eigengewicht entlastet und die Gelenke geschont.
Der hohe Energieverbrauch und die Freude an der Bewegung sind ideale Komponenten. "Bei unser ,Fitness für die Stärksten‘ wirken sich Gruppensportangebote positiv auf Wohlbefinden, Selbstbewusstsein und Motivation aus", so hat Dr. Katharina Feldmann schon bei vielen jungen Menschen beobachtet.

- Aqua-Jogging im hauseigenen Schwimmbad, ein sehr wirkungsvoller Sport bei Adipositas. (Fotos: Feldmann)
Ernährungsberatung und "Fitness für die Stärksten"
Durch den Behandlungsweg eines TSBW-Rehabilitanden mit einem BMI von 60, bei dem die bisherigen Maßnahmen wie Kuren, Diäten und medikamentöse Behandlung erfolglos geblieben waren, kam das TSBW in Kontakt mit dem zertifizierten Adipositas Zentrum Nord (AZN) in Tönning (www.adipositas-nord.de) unter der Leitung des Ernährungsmediziners und Chirurgen Dr. Steffen Krause.
Dort wird in einem multi-professionellen Team leitliniengemäß nach einem Fünf-Säulen-Prinzip – bestehend aus Medizin, Ernährungswissenschaft, Psy-chologie, Sport und Selbsthilfe – nach der richtigen Therapie für den einzelnen Patienten gesucht.
Der oben genannte Rehabilitand aus dem TSBW Husum entschied sich für eine angeratene bariatrische Operation, in seinem Fall eine Bypass-Operation. "Der Magenbypass ist ein kombiniertes Verfahren, bei dem durch eine Umgehung des Magens sowohl auf die Ess-menge (Restriktion) als auch auf die Nahrungsmittelaufnahme aus dem Darm (Malsabsorption) Einfluss genommen wird", erläutert Dr. Steffen Krause.
"Dieser Eingriff mit der anschließenden Nachsorge bei uns in Kooperation mit dem AZN erbrachte bei unserem Rehabilitanden einen stabilen Gewichtsverlust von 50 Kilogramm. Dadurch wurden natürlich auch seine beruflichen Aussichten erheblich verbessert", stellt Dr. Katharina Feldmann in Aussicht.
Ab einem BMI von 40 gelten die chirurgischen Verfahren nach langjährigen Studien als die wirksamste Behandlungsmethode für eine dauerhafte und nennenswerte Gewichtsreduktion.
Mittlerweile verfolgt das TSBW Husum seit 2008 ein gemeinsames Konzept mit dem AZN, nämlich das TSBW Adipositas Programm, kurz TAP, was bedeutet:
- Die ernährungswissenschaftliche Beratung und Betreuung durch die Tönninger Oecotrophologin Heike Christiansen erfolgt im TSBW in enger Zusammenarbeit mit den dortigen diätetisch geschulten Köchen und der Diätassistentin. Sie dient der Optimierung der Nahrungszusammensetzung und der Nahrungsaufnahme, ist individuell zugeschnitten und berücksichtigt umfassend die individuellen Probleme eines jeden einzelnen. Ziel ist die Entwicklung von Strategien für die richtige Ernährung im Alltag, verbunden mit einer Lebensstil-Änderung.
- Es bestehen dabei enge Verbindungen zur verhaltensorientierten psychologischen Beratung im TSBW und in Tönning. Die Dipl.-Psychologin Gudrun Zepter begleitet jeweils über ein Jahr eine Selbsthilfegruppe von zehn Rehabilitanden, die nach Tönning fahren, um in der psychologischen Gruppentherapie sowohl die Einflussfaktoren auf das Essverhalten zu erkennen, die Eigenmotivation zur Verhaltensänderung zu stärken, als auch um alltagstaugliche Strategien zu erarbeiten. Der Erfahrungsaustausch und die Selbsthilfe der Betroffenen untereinander ist eine wirkungsvolle Komponente im Gesamtkonzept. Parallel erfolgen mit der Gruppe Einkauf- und Kochtrainings mit der Oecotrophologin Heike Christiansen in Abstimmung mit den Pädagogen der Internate.
- Dr. Krause führt bei den Gruppenteilnehmern ernährungsmedizinische Vor- und Nachsorgeuntersuchungen durch und berät in seiner Adipositas-Sprechstunde über mögliche operative Therapien.
"Diese Kooperation verbindet den therapeutischen und den rehabilitativen Ansatz im Kampf gegen die morbide Adipositas bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen über einen längeren Zeitraum und beinhaltet durch diese Möglichkeit ein Alleinstellungsmerkmal", so hebt Dr. Katharina Feldmann hervor.
Im Frühjahr wird der 13. Jahrgang des Husumer Beruflichen Gymnasiums (Fachrichtung Ernährung) nach Absprache mit dem Team des TAP an mehreren Nachmittagen ein Projekt mit TSBW-Rehabilitanden durchführen, in dem beispielsweise Alternativen zu Softdrinks oder gesunde Pausensnacks u.ä. vermittelt werden.
Gemeinsame Fachtagung von TSBW und AZN: "Leichter in den Beruf"
Eine gemeinsame Fachtagung des TSBW und des AZN mit dem Titel "Leichter in den Beruf - Schwerpunkt Adipositas - Vorstellung des Kooperationsprojektes TAP" findet am Dienstag, 20. April 2010, von 13 bis 17 in den Räumen des TSBW statt; siehe weitere Informationen dazu auf dieser Homepage unter "Fachtagungen".
(Text/ Fotos: Dr. Katharina Feldmann)
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