Fachtagung im Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk

28. Februar 2018 , Sonja Wenzel

Rummelplatz im Kopf: Kreativ, aber chaotisch ist das Leben der Menschen mit ADS und ADHS

Wer kennt nicht die Märchen von „Zappelphilipp“ und „Hans-guck-in-die-Luft“ – zwei völlig konträren Charakteren, die dennoch etwas gemeinsam haben: In ihren Köpfen laufen bestimmte Mechanismen nicht nach allgemeingültigen Normen ab. Sie können sich nicht ordentlich sortieren, sind verträumt und unkonzentriert oder aber plan- und regellos und impulsiv. Menschen mit ADS (AufmerksamkeitsDefizit-Syndrom) und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) haben wenige Erfolgserlebnisse. Ihr Alltag ist oftmals schwierig. 
Das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk (TSBW) hatte zum dritten Mal zu einer Fachveranstaltung eigeladen, die dieses Mal maßgeschneidert war für Erzieher, Pädagogen, Sonderpädagogen*), Rehaberatende und artverwandte Berufe – kurz für Menschen, die bei ihrer täglichen Arbeit immer wieder Kontakt zu Personen mit ADS/ADHS-Symptomen beziehungsweise den entsprechenden Diagnosen haben. „Eine erstaunlich gute Reaktion“, urteilte TSBW-Chef Hans-Jürgen Vollrath über die zahlreichen Besucher, die der Einladung gefolgt waren und den großen Saal im Freizeithaus bis auf den letzten Platz füllten. „Ein großartiges Konzept - ich bin begeistert über die informative Veranstaltung“, sagte er, ein „gesunder Mix aus Mitarbeitenden von Kostenträgern und Schulen, Förderzentren und auch aus Mitarbeitenden des TSBW“, die die Veranstaltung als willkommene Informationsquelle und Fortbildungsmöglichkeit nutzten. 
Treffend und griffig fand Christine Zworski-Bergmann, TSBW-Referentin für Menschen mit Körperbehinderung, Entwicklungsverzögerung und Autismus sowie Hauptorganisatorin der Veranstaltung, den Einstieg in dieses etwas sperrige Thema: sie las aus den schriftlichen Ausführungen eines Auszubildenden mit ADHS-Diagnose. Es fühle sich in seinem Kopf an „wie in einem Mixer“. Er könne seine Gedanken nicht ordnen, es sei ein Chaos, alles gehe durcheinander, private Gedankenfetzen mischen sich mit solchen aus dem Schul- und dem Arbeitsalltag: „Es ist, als ob ein paar Schubladen fehlen zum Sortieren – ich möchte mich gern verkriechen.“ Diese Zeilen manifestieren die große Not der Betroffenen. 
Zum Vortrag waren zwei hochkarätige Referenten gekommen, die Kinderneurologin Dr. Kirsten Stollhoff aus Hamburg und Dr. Lothar Imhof, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Allgemeinmediziner aus Ahrensburg, beide ausgewiesene Experten auf diesem Gebiet. „Mit diesen Störungen müssen die Betroffenen von Geburt an ein Leben lang umgehen“, sagte Dr. Kirsten Stollhoff. Doch je besser und früher diese unterstützt werden und professionelle Hilfe erhalten, um so weniger komme die Symptomatik zum Tragen. „ADHS-Patienten sind impulsiv, oft abgelenkt und ungeduldig. Sie haben ein Planungsdefizit und die Impulskontrolle fehlt“, so die Fachärztin. Auch seien sie „reizoffen“ – was andererseits zu einer großen Kreativität führe durch die Verknüpfung verschiedener Reize. Schlaf- und Schreistörungen, unmotivierte Bewegungen – das seien einige der Merkmale, an denen diese Verhaltensauffälligkeit schon bei Kleinkindern festgemacht werden könne. Später in der Schule sei – ohne Behandlung - zunächst zu beobachten, dass oftmals das Gehirn dieser kleinen Patienten noch gar nicht entsprechend gereift sei, um den Schulalltag zu meistern. Vergesslichkeit, Unordnung und eine hohe Unfallgefährdung können sich im Laufe der Zeit hinzugesellen, ebenso Schlaf- und Essstörungen, nächtliches Einnässen oder eine Lese- und Rechenschwäche.  Dies alles kulminiere in geringem Selbstwertgefühl bis hin zu gestörtem sozialem Verhalten, Suchtproblemen und Arbeitslosigkeit – kurz, der Weg zum „unintegrierbaren Außenseiter“ sei vorgezeichnet. Es gebe zwar keinen „Knopf zum Abstellen“, doch helfe eine multimodale Therapie mit Medikamenten und eventuellen anderen therapeutischen Maßnahmen. „Medikamente heilen nicht, machen aber die Erziehung effektiver“, sagte sie.  
ADHS ist nicht neu – das „Impulsive Irresein als langfristige kindliche Störung“ wurde bereits im Jahre 1881 von Medizinern beschrieben. Bei vielen erwachsenen ADHS-Patienten bleiben „relevante, behandlungsbedürftige Symptome“, führte Dr. Lothar Imhof aus. Viele empfinden manche geistige Tätigkeiten als „langweilig“, hören nicht zu und können nicht stillsitzen. Der Schaden für die Kinder durch Nichtbehandlung sei unglaublich. Er machte jedoch allen Mut, wie die vielen Fallbeispiele bewiesen, die mit dauerhaft zu überprüfender, medikamentöser Behandlung eine eklatante Besserung aufwiesen: „Mit gleichmäßiger Medikamentenseinstellung sind im Erwachsenenalter eindrückliche positive Ergebnisse zu erreichen. Gleichwohl ist oft eine Psychotherapie vonnöten.“
„Ein leerer Bauch lernt nicht gern“ – getreu diesem Motto gab es freilich auch ein schönes Mittagessen während der Veranstaltung: wahlweise Lauchcreme- oder Gulaschsuppe. Niko Jessen lernt Koch im ersten Ausbildungsjahr. Seine Aufgabe war es, am Suppenbuffet zu assistieren. Das sei schon ein bisschen langatmig, befand der 21-Jährige und fuhr engagiert fort: „Aber irgendjemand muss diese Aufgabe hier ja übernehmen – schließlich läuft in der Kantine auch der Mittagsbetrieb auf Hochtouren für bis zu eintausend Portionen.“ 
*) Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde die weibliche Form weggelassen (Anm. d. Red.)