TSBW im NDR: Unsere Serienreihe im Schleswig-Holstein Magazin
Wenn das eigene Kind "anders" tickt, beginnt für Eltern eine Odyssee durch Ämter und Praxen. Schleswig-Holstein nimmt bundesweit eine positive Sonderstellung ein: Familie Kessler konnte mit ihren beiden autistischen Söhnen in Husum endlich ankommen.
2019 zog Barbara Kessler mit ihren Söhnen Felix (24) und Till (21) von Nordrhein-Westfalen nach Husum (Kreis Nordfriesland). Der Grund: jahrelange Konflikte mit Schulen und Behörden. Beide Söhne sind Autisten. Erst in Schleswig-Holstein, sagt Kessler, habe die Familie erlebt, was passende Förderung bedeute.
Familie Kessler: Ewiger Kampf wegen Autismus-Diagnose
Till macht die Ausbildung zum Fachpraktiker für Holzverarbeitung am Theodor-Schäfer Berufsbildungswerk (TSBW). Vor wenigen Jahren wäre die Zusammenarbeit mit anderen Menschen für ihn kaum möglich gewesen: Till hat selektiven Mutismus, das heißt, er spricht nur mit wenigen vertrauten Personen.
Das war schon immer so, berichtet Barbara Kessler - seine Mutter. Schon im Kindergarten gab es den Verdacht auf Autismus. Die Diagnose erhielt Till aber erst mit elf Jahren. "Es hat uns keiner geglaubt, außer der Kindergarten", erinnert sich Kessler. Um Therapien und Unterstützung habe die Familie jahrelang kämpfen müssen - mit Jugendämtern, Schulen und Ärzten. Der Umzug nach Husum sei schließlich der Wendepunkt gewesen.
Das war das erste Mal für mich so, wie Schule eigentlich sein sollte. Man geht zum Elternsprechtag, man geht zum Elternabend, erledigt. Das war für mich Neuland. Barbara Kessler, Mutter zweier Autisten
Förderschwerpunkt Autismus: Das macht Schleswig-Holstein anders
Schleswig-Holstein nimmt bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Mit dem Landesförderzentrum Autistisches Verhalten (LFZ-AV) existiert seit 2020 eine bundesweit einmalige Einrichtung, die Schulen im ganzen Land berät und unterstützt. Laut Barbara Kessler kümmern sich Schulen hier selbst um Anträge, etwa für Nachteilsausgleiche. Die Lehrkräfte seien besser vorbereitet und der Umgang mit den Familien entspannter. Im Mittelpunkt stehe nicht die Leistung, sondern das Kind.
Eigentlich wurde uns damals gesagt, dass Till eine ganz schlechte Auffassungsgabe hat, sich nichts merken kann und seitdem wir hier oben sind, wissen wir, dass das nicht stimmt. Barbara Kessler
Was ist Autismus?
Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Sie wirkt sich auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen auf die sozialen Fähigkeiten der betroffenen Menschen aus. Laut Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus unterscheiden Medizinerinnen und Mediziner "Frühkindlichen Autismus", "Asperger-Syndrom" und "Atypischen Autismus". Weil die Übergänge zwischen den Formen fließend sind, gibt es den Oberbegriff "Autismus-Spektrum-Störung".
In Schleswig-Holstein ist Autismus ein eigener Förderschwerpunkt. Das erleichtere individuelle Unterstützung im Schulalltag, erklärt Achim Rix, Autismus-Experte im Bildungsministerium.
Betroffene brauchen feste Routinen
Um solche Schülerinnen und Schüler in der Schule nicht zu überfordern, seien beispielsweise feste Routinen notwendig, Bezugspersonen sollten nicht zu häufig wechseln und der Lehrplan müsse Raum für Spezialinteressen lassen. Außerdem seien Rückzugsmöglichkeiten essenziell, komplett abgrenzen sollen sich die Kinder allerdings nicht.
So können Autistinnen und Autisten gefördert werden
Die Förderung ist herausfordernd, weil sich Autismus sehr unterschiedlich äußert. Einheitliche Konzepte greifen oft nicht. In Schleswig-Holstein können Kinder deshalb bereits bei auffälligem Verhalten unterstützt werden - auch ohne offizielle ärztliche Diagnose. Voraussetzung ist, dass Lehrkräfte oder Eltern den Förderbedarf erkennen. Die medizinische Diagnose selbst stellen dann Ärztinnen und Ärzte.
Wenn ich keine Ahnung habe, was für ein Phänomen mir gegenüber steht, dann weiß ich auch nicht, was ich mit dem machen kann. Achim Rix, Autismus-Experte im Bildungsministerium
Autismus-Diagnose als Türöffner
Eben solche Autismus-Diagnosen haben sich in Schleswig-Holstein innerhalb von sieben Jahren etwa verdoppelt. Auch dadurch, dass die Krankheit bekannter und sichtbarer wird, gibt es mehr Diagnosen. Es lassen sich schlicht mehr Menschen bei Verdacht testen.
Für das Jahr 2025 hat das Bildungsministerium über 2.100 Neudiagnosen hochgerechnet. Im Schuljahr 2024/25 hatten 748 Schülerinnen und Schüler an öffentlichen Schulen den Förderschwerpunkt autistisches Verhalten. Laut Rix kann passende Unterstützung Schul- und Ausbildungswege deutlich erleichtern. Auch Barbara Kessler hat diese Erfahrung gemacht.
Autismus und jetzt? Hierhin können sich Eltern wenden
Trotzdem: Der Weg hin zu passenden Therapien und Unterstützungen ist häufig lang und undurchsichtig. Gerade auf eine Diagnose würden Eltern gut und gerne ein Jahr warten, erklärt ein Sprecher der Autismushilfe Schleswig-Holstein gGmbH. Wenn der Verdacht auf Autismus besteht, empfiehlt Achim Rix den Bundesverband Kinder und Jugendpsychiatrie. Gerade für Fragen im Schulkontext ist das Landesförderzentrum Autistisches Verhalten die erste Adresse. Dort werden Eltern dazu beraten, welche Möglichkeiten das Förderbildungssystem für ihre Kinder bereithält.
Anträge, etwa für Schulbegleitungen oder Nachteilsausgleiche, laufen über die Jugendämter. Einen Förderbedarf stellen die Jugendämter laut Autismushilfe Schleswig-Holstein gGmbH in der Regel relativ schnell fest, Wartelisten gibt es dann aber wieder, wenn es um die konkrete Umsetzung der Fördermaßnahmen geht. Beim Landesverband für Autismushilfe kann das ein Jahr oder länger dauern.
Barbara Kessler: durch Autismusverband weniger allein
Um einen Überblick darüber zu bekommen, was sinnvoll und möglich ist und um sich mit anderen Eltern auszutauschen, empfiehlt Barbara Kessler vor allem den Autismusverband. Erst dort habe sie verstanden, dass sie mit ihren Problemen nicht allein ist, erzählt sie. In Schleswig-Holstein gibt es einen Landesverband.
Man muss lange kämpfen, bis man da angekommen ist, wo man denkt, dass man hin muss. Barbara Kessler
Echte Inklusion: Das Theodor-Schäfer Berufsbildungswerk
Angekommen ist die Familie Kessler nach einer langen Odyssee schließlich in Husum: beim Theodor-Schäfer Berufsbildungswerk von der Diakonie. Beide Söhne haben dort eine Kammer-zertifizierte Ausbildung gemacht - ohne Produktionsdruck, dafür mit Rückzugsmöglichkeiten und guten Jobaussichten in der freien Wirtschaft. Till und Felix sind Autisten mit all ihren Besonderheiten. Und sie sind jetzt Fachpraktiker für Holzverarbeitung und Landschaftsgartenbauer.
Ich bin froh, dass ich meine Kinder nicht so früh gekriegt habe, weil ich glaube, mit Anfang 20 hätte ich diese Kraft zu kämpfen noch nicht gehabt. Barbara Kessler
NDR Schleswig-Holstein Magazin: TSBW Husum Teil 2 - Ausbildung für Menschen mit Behinderung


