Herbstgespräch 2018

13. September 2018 , Sonja Wenzel

Ein bisschen von einem Autisten steckt in jedem Menschen

Wer im späten Spätsommer „Herbst“ sagt, muss auch „Gespräch“ sagen: „Herbstgespräch“ – eine seit rund eineinhalb Jahrzehnten gepflegte Tradition, zu dem das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk (TSBW) gemeinsam mit dem Unternehmensverband Unterelbe-Westküste auch in diesem Jahr wieder eingeladen hatte. Neben der Kontaktpflege, dem Schwätzchen zur Festigung und Auffrischung alter Beziehungen – und neben den lukullischen Schmankerln, die die hauseigene Küche komponiert, ist die „Seele“ der Veranstaltung stets der Vortrag: Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben bereits ihren Fußabdruck bei vergangenen Herbstgesprächen hinterlassen; dieses Mal hatten sich die Verantwortlichen für eine außergewöhnliche Referentin entschieden: Die Künstlerin und Autorin Gee Vero hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus, das bei ihr im Alter von 37 Jahren festgestellt wurde. Sie hielt einen packenden, mitreißenden Vortrag über Autismus unter dem Titel „Ganz normal anders oder anders normal“.

„Sie haben sich zum heutigen Herbstgespräch wahrscheinlich besonders schick angezogen. Aber sehen Sie, was meine Version von Schicksein ist.“ Mit diesen Worten tritt Gee Vero – das Gee steht für Gerrit - mit dynamischen Schritten hinter dem Rednerpult hervor, strahlt entwaffnend ins Publikum und breitet die Arme weit aus: Weite Jeans mit Knöchelbündchen, knallbunte Socken, Turnschuhe und Khakihemd – und sofort hat die 47-Jährige das Eis gebrochen, hat die Lacher auf ihrer Seite und erntet spontanen Beifall. „Wir leben alle in derselben Welt, doch unsere Wahrnehmungen unterscheiden uns“, führt sie aus und: „Autismus ist näher an Ihnen dran, als Sie denken, es ist eher extremes Menschsein, eine Variante der Norm, anstrengend, aber interessant.“

Nicht autistische Personen entwickeln eine „Ich-Maske“, die Schutz und Sicherheit biete, denn die Gesellschaft wolle eine Maske sehen. Autismus sei visuell nicht erkennbar, eine Art von „unsichtbarer Behinderung“, die schnell be- und verurteilt werde als „ungezogen“. Das gesellschaftlich unerwartete und inadäquate Verhalten verlange viel Aufklärung. „Ich habe gelernt und weiß, was die Gesellschaft, die nach immer mehr Anpassung verlangt, sehen will. Darauf kann ich mich einlassen, denn ich habe die Möglichkeit der verbalen Äußerung.“ Diese Möglichkeit habe ihr Sohn Eliah nicht: Eliah, selbst frühkindlicher Autist, habe ein nach innen gerichtetes Selbst; sich nach außen zu kehren, schaffe er nicht: „Daher kann er an der Gesellschaft nicht teilhaben.“ Autismus ist nach Gee Veros Worten „nicht falsch, keine Erkrankung, keine Störung und kein separates Spektrum für sich im großen Gefüge des ‚Spektrums Mensch‘“. Es gebe keine Heilung: „Das muss es auch nicht. Es muss uns geben, so wie wir sind – damit wir alle Menschen bleiben können.“ Ein nicht-autistisches Gehirn nehme fünf bis zehn Prozent der Reize bewusst von außen wahr, sortiere deren Wichtigkeit und bewerte ähnliche Situationen als bekannt und sicher. Ein autistisches Gehirn habe eine erhöhte bewusste Wahrnehmung: 30 Prozent aller Reize lasse es durch, und alle sind gleichwertig. Das System sortiere zwar die Reize, erkenne aber keine Ähnlichkeiten: So seien jeden Tag die alltäglichsten Situationen neu, potenziell gefährlich und ziehen Reaktionen von Flucht, Kampf oder Starre nach sich. „Das morgendliche Sockenanziehen, ein einfaches Fensteröffnen im Klassenraum waren neu und bedrohlich  für Eliah.“ Gee Vero gibt einen Einblick in ihre eigene Wahrnehmungswelt: „Ich habe Sprache, aber die Sprachwahrnehmung ist anders. Es ist auch ein Leben im Fettnäpfchen.“ Smalltalk sei ihre persönliche „Riesenbaustelle“, denn sie wisse nicht recht, wie es ihr gelingen könne, mit dem Aussprechen von unwichtigen Dingen die Zeit hinzubringen. Mit Sarkasmus und Ironie könne sie nichts anfangen, weil sie alles wörtlich nehme. Sprichwörter und Sprachbilder gehören zu einer Art von „verschlüsselter, verpackter Sprache“. Ihre „persönlichen Tiger“ – also Bedrohungen - seien unter anderem Blickkontakt und Händeschütteln, Geräusche, Stille und Gerüche, aber auch Witze, Regeln und direkte Ansprache. So gehen ihr bis zu 70 Prozent vom Gesprächsinhalt verloren, weil sie auf Mimik und Gestik nicht achten kann. An ihrer persönlichen Wahrnehmung arbeitet sie und trainiert sich eisern mit verschiedenen Hilfmitteln. „Mein Alltag ist wie der Turmbau in dem Spiel ‚Jenga‘, der immer zusammenzubrechen droht.“ Gee Vero wünscht sich Menschlichkeit, die Akzeptanz des Anderen in seinem Anderssein und den Bau von zwischenmenschlichen Brücken. „Barrierefreiheit beginnt in den Köpfen der Menschen – und bestimmte Mittel helfen nicht automatisch jedem Autisten. Ich wünsche mir, dass die Potenziale von Autisten gesehen werden, dass ihnen Nischen geschaffen und Kleinstgemeinschaften erhalten werden, damit sie würdig leben können.“ TSBW-Chef Hans-Jürgen Vollrath-Naumann bezeichnete den Vortrag als „bewegend“. Zeitpunkt und Thematik des Vortrags seien – auch im Hinblick auf die eigene TSBW-Geschichte - „genau richtig“, denn: „Als vor 15 Jahren das Schlosscafé den Betrieb aufnahm mit Auszubildenden mit Hörbehinderungen, war die Skepsis in der Bevölkerung zu spüren. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit. „Autisten haben einen anderen Blick auf die Welt – der Vortrag ist dazu da, eine Tür aufzustoßen.“

Text und Foto von Sonja Wenzel